Orchidee des Jahres 2002

Neottia nidus-avis (L.) RICH.

Vogel-Nestwurz


Seit 1989 proklamieren die "Arbeitskreise Heimische Orchideen Deutschlands" (AHO) eine "Orchidee des Jahres". Mit dieser Wahl soll in erster Linie darauf aufmerksam gemacht werden, dass alle heimische Orchideen mehr oder weniger stark gefährdet sind, auch wenn manche Arten in bestimmten Landschaften Deutschlands durchaus noch recht häufig sind. Diese zumeist auffälligen Kleinodien unserer Natur können jedoch auch beispielhaft für zahlreiche andere Pflanzen- und Tierarten stehen, die gemeinsam mit Orchideen besonders bedrohte Lebensräume wie Trockenrasen, Feuchtwiesen und Moore besiedeln. Die weitaus meisten heimischen Orchideen kommen in Lebensräumen einer extensiv genutzten Kulturlandschaft vor. Ihre Maximalverbreitung erreichten sie somit, als Schafhaltung und kleinteilige Wiesennutzung zur Futter- und Streugewinnung weit verbreitet waren. Mit dem Rückgang dieser historischen Nutzungsformen, aber auch infolge der großflächigen und nach wie vor anhaltenden Eutrophierung werden auch Orchideen immer seltener, einzelne Arten verschwanden innerhalb weniger Jahrzehnte.
Die Bestandssituation der Waldorchideen ist oft weniger problematisch, da gerade in den Laubwaldgebieten Mittel- und Süddeutschlands trotz intensiver Forstwirtschaft immer naturnahe Waldbereiche auf Teilflächen erhalten blieben. So gehört auch die Orchidee des Jahres 2002, die Vogel-Nestwurz in großen Teilen Deutschlands zu den häufigeren Orchideenarten und ist mit Ausnahme von Schleswig-Holstein, Brandenburg und Sachsen in allen anderen Bundesländern nicht im Bestand gefährdet. Erstmals wurde eine der wenigen saprophytischen, also auf Pilzmyzel lebenden Arten zur Orchidee des Jahres gewählt, von denen in Deutschland vier Arten vorkommen.
Die Grundfarbe der ganzen Pflanze ist blass-gelbbräunlich, im Gegensatz zu den meisten anderen Orchideen zeigt die Nestwurz nicht die gewohnte Farbenpracht. Die 20 bis höchstens 40 cm hohen Stängel erscheinen zumeist gruppenweise. Das kriechende, dicht mit zahlreichen fleischigen Wurzeln besetzte Rhizom ähnelt mit etwas Phantasie einem Vogelnest und hat der Pflanze zu ihrem Namen verholfen. Die nur mit scheidigen Schuppenblättern ohne Blattgrün besetzten Stängel tragen einen reichblütigen und zumeist dichten Blütenstand. Die Einzelblüten haben eine 10-12 mm lange, breit zweizipflige Lippe, das obere Kelchblatt und die beiden seitlichen, 5-6 mm langen Perigonblätter neigen helmförmig zusammen. Die Blütezeit liegt zwischen Mai und Juni, die Bestäubung erfolgt überwiegend durch Insekten, seltener wurde auch Selbstbestäubung nachgewiesen.
Die Variabilität der Art ist im Gegensatz zu den meisten anderen Orchideenarten sehr gering. Pflanzen wenig kalkreicher oder aus anderen Gründen suboptimaler Standorte sind oft deutlich kleiner und tragen nur sehr spärlich Blüten. Bastarde mit Arten anderer Orchideengattungen sind nicht bekannt.
Die Nestwurz ist eine charakteristische Orchidee schattiger Laubwälder. Dabei liegt der Verbreitungsschwerpunkt in Deutschland in reichen Buchenwäldern, insbesondere im Seggen-Rotbuchenwald (Carici-Fagetum), wo sie oft mit verschiedenen anderen Orchideenarten vorkommt. Im Tiefland tritt
Neottia nidus-avis auch in Eichen-Hainbuchenwäldern auf. Alle diese Waldbestände unterliegen auch dem Schutz der Fauna-Flora-Habitat- (FFH)-Richtlinie, womit auch die Lebensräume der Nestwurz diesen strengen europäischen Schutz genießen.
Das Gesamtverbreitungsgebiet von
Neottia nidus-avis reicht von der temperaten Zone Europas bis in die meridionale Zone Südeuropas, Nordafrikas und Vorderasiens. Vereinzelt dringt sie im Norden bis in die boreale Nadelwaldzone vor, im Osten reicht das Areal bis Zentralasien und Kaukasien. In den Gebirgen wurde sie bis in Höhen von etwa 1400 m nachgewiesen.
In den Hauptverbreitungsgebieten der reicheren Buchenwälder im mittel- und süddeutschen Raum braucht man sich wohl derzeit um den Fortbestand der Vogel-Nestwurz keine Gedanken zu machen. Auffällig ist jedoch, dass die Art in den ausschließlich oder zumindest teilweise eiszeitlich geprägten Landschaften Brandenburgs, Schleswig-Holsteins und Sachsens, in den nahezu kein Kalkgestein oberflächlich ansteht, von jeher recht selten ist. In diesen Bereichen fehlt das Carici-Fagetum als Hauptlebensraum von
Neottia nidus-avis weitgehend. Da es in diesen Ländern einen teilweise deutlichen Bestandsrückgang in den letzten 150 Jahren gab, ist hier auch von einer aktuellen Gefährdung auszugehen. Im baltischen Buchenwaldgebiet Mecklenburg-Vorpommerns und Nordost-Brandenburgs mit einem zumeist hohen Kalkgehalt der sehr jungen glazial entstandenen Oberfläche ist Neottia nidus-avis wieder deutlich häufiger.
Wichtig für den Schutz der Vogel-Nestwurz ist in erster Linie die Erhaltung und Förderung naturnaher Buchenwälder mit möglichst geringer Störung des Oberbodens durch Waldbewirtschaftung. Das gesunde Pilzmyzel dieser Wälder bildet nicht nur die Lebensgrundlage für die Nestwurz, sondern auch für zahlreiche andere Arten der Bodenflora. Die Orchidee des Jahres kann somit auch als Indikator für gesunde Waldbestände gelten, die im Zuge des aktuell proklamierten ökologischen Waldumbaus Ziel aller forstwirtschaftlichen Maßnahmen in Deutschland sein sollten.


Für die Arbeitskreise Heimische Orchideen (AHO) in Deutschland


Dr. Frank ZIMMERMANN, AHO Brandenburg