MAN Forum 1999 und in MTZ 61 (2000) 12

Motortechnik und Sprache

Stefan Zima

 

1 Einleitung

Die Sprache ist - entgegen weit verbreiteter Vorstellung - noch vor den "typischen" Kommunikations- instrumenten von Technikern, der technischen Zeichnung, mathematischen Formel oder dem Schaubild, das wichtigste Arbeitsmittel in der Technik. Die Wirkung von Berichten, Protokollen, Memoranden und Schreiben hängt nicht nur vom Inhalt, sondern auch von dessen sprachlicher Präsentation ab. Der Fachmann gerät in (Sprach-)Isolation mit ganz konkreten Folgen, wenn er sich nicht auch Laien1) verständlich machen kann. Die Freigabe von Mitteln für Projekte, Investitionen etc. wird nicht bewilligt, wenn das - oft nicht oder nicht hinreichend fachkundige - Entscheidungsgremium nicht versteht, worum es eigentlich geht. Bei Abmachungen, Vereinbarungen und gar erst bei Verträgen kommt es auf eindeutige und unmißverständliche Formulierungen an, anderenfalls kann das teuer werden, ganz zu schweigen von Baubeschreibungen, Bedienungs- und Reparaturanleitungen! Kein Wunder also, daß die Forderung, Kommunikation zu einem Teil der Ingenieurausbildung zu machen, immer wieder erhoben wird.Nun gelten Techniker gemeinhin als weniger sprachbegabt und eloquent (beredt) als Angehörige mancher anderer Berufsgruppen. Das trifft sicher zu, denn Begabungen leiten den Menschen und beeinflussen und bestimmen - in vielen Fällen - die Berufswahl. Man kann sicher davon ausgehen, daß Freude am Umgang mit der Sprache, am verbalem Ausdruck, sei es in der eigenen, sei es in fremden Sprachen, Studenten eher zum Studium der Germanistik, Romanistik, Anglistik, der Publizistik usw. und nicht gerade zum Studium von Ingenieurwissenschaften beflügelt. Ingenieure und Techniker sind in der Regel an sprachlichen Fragen weniger interessiert: Sie wollen planen, projektieren, entwickeln, untersuchen, messen, in Betrieb nehmen, aber nicht "reden und schreiben". Das führt allerdings zu dem Paradoxon (Widersinn), daß Techniker sich im allgemeinen verständlicher ausdrücken als Soziologen, Politologen oder andere Geisteswissenschaftler.Sprache ist aber nicht nur ein Arbeitsmittel in der Technik, sie ist - in gewissem Sinne zumindest - ebenso ein Spiegelbild der Technik, ja auch der Zeitgeschichte. Aus Formulierungen, aus Texten, ja selbst aus einzelnen Wörtern lassen sich Rückschlüsse auf die Zeit, die damals herrschenden Verhältnisse, den Stand der Technik, auf Entwicklungen und Probleme ziehen. Sprache ist also ein jeder Hinsicht vielschichtiges Phänomen (Erscheinung).

2 Technik und Sprache

Mit der Entwicklung erst des Handwerks, dann im Zuge der industriellen Revolution und schließlich mit dem Aufkommen neuer Techniken und Technologien entstand ein Bedarf an Fachausdrücken, mit denen die Gegenstände, Eigenschaften, Tätigkeiten und Begriffe eines Fachgebietes genau und unmißverständlich benannt werden konnten ("Sprachbedarf"). Aber es sind nicht nur neue Fachausdrücke entstanden, sondern auch auf einschlägige Vorgänge und Tätigkeiten ausgerichtete Redewendungen, die ihres besonderen Charakters wegen dem Nicht-Fachmann oft unverständlich, zumindest aber mißverständlich sind. Somit ist eine Fachsprache mehr als nur die Summe von Fachwörtern.

Natürlich sind Fachsprachen nicht losgelöst von der Gemeinsprache; sie sind in die Gemeinsprache eingebettet wie Steine eines Mauerwerkes in den Mörtel. Fach- und Gemeinsprache sind also eng verzahnt. Die eine erwächst aus der anderen, für beide gelten die selben Regeln und Bildungsgesetze. Die Unterschiede zur Gemeinsprache liegen in Fachwörtern, Fachwendungen, Fach-Redensarten, aber auch in besonderen grammatischen und syntaktischen Strukturen.

Das Bedürfnis nach Fachwörtern und -ausdrücken nahm und nimmt mit der Weiterentwicklung einer Technik zu. Zur Verdeutlichung der Größenordnung, um die es sich hier handelt, vergegenwärtige man sich, daß etwa 10.000 Wörter als "aktiver Wortschatz von Gebildeten" gelten, der Gesamtwortschatz der Standardsprache 300.000 bis 400.000 Wörter beträgt. Gute Wörterbücher haben etwa 100.000 Eintragungen, eine Größenordnung, die von Fachsprachen ohne weiteres erreicht wird. In der Motortechnik sieht es so aus, daß Motoren - etwa der Größe, wie in Lokomotiven eingebaut -  aus mehr als 1000 gezeichneten Teilen, darunter komplette Funktionsgruppen als Zulieferteile, die sich ihrerseits aus vielen Einzelteilen zusammensetzen, bestehen, wozu noch ein Vielfaches an Klein- und Normteilen kommt, so daß man mit bis zu 7000 bis 8000 Teilen zu rechnen hat. Davon sind aber die meisten "Wiederholteile" (Teile, die mehrfach vorkommen): So weist die Stückliste eines Lokomotivmotors nur ca. 540 verschiedene Benennungen auf [1].

Weiterhin müssen Motorumfeld, Funktionen und motorspezifische Abstrakta benannt werden. Durch den Einzug der Elektronik auch in die Motortechnik hat sich der Wortschatz der Motortechnik de facto um den ganzer Bereiche der Elektronik erweitert. Mit anderen Worten, die Zahl der Fachwörter ist überhaupt nicht - auch nicht annähernd - abzuschätzen. Kein Wunder also, daß man von der Technik, als "größtem Auftraggeber der Sprache" spricht und den Ingenieur als "Sprachschöpfer" bezeichnet [2]. Allerdings wird seine Befähigung hierzu häufig in Frage gestellt.

Nun liegt in der Tat die Vermutung nahe, daß sprachlich Geschulte - z.B. Linguisten oder Germanisten - bessere Wortschöpfer seien. Sind sie aber nicht, wie die Erfahrung lehrt. Man braucht sich nur einmal entsprechende Benennungsvorschläge anzusehen. So propagiert der Autor o.a. Zitats den bemerkenswert Ausdruck Verdatungsanlage. Noch "besser" sind Bernkraft, Elektrie oder gar Elt als Ersatz für Elektrizität [3]. Sprachgefühl ist also nicht unbedingt an ein akademisches Studium - und schon gar nicht an ein sprachwissenschaftliches - gebunden. Außerdem ist das von Sprachwissenschaftlern heute als schlecht empfundene Deutsch oft das gute Deutsch von morgen.

Der große Sprachbedarf in und durch die Technik wird aus mehreren Quellen gespeist. Neben vielen Fremd- und Lehnworten wurden in den Bereichen, in welchen die Technik im deutschen Sprachraum führend war (Bergbau, Eisenhüttenwesen, Drucktechnik), zahlreiche neue Worte gebildet, die auch den Grundstock der heutigen Fachwörter in der Motortechnik bilden.

Neben Gründen der Zweckmäßigkeit gibt es aber noch andere Argumente für ein Nachdenken über Eigenarten, Gesetzmäßigkeiten und Wesen von Fachsprachen. Sprache dient nicht nur der ausschließlichen Kommunikation, sondern sie ist auch ein Mittel, Erkenntnis zu gewinnen, nämlich indem sich im "Satz das Denken ordnet". Durch Formulieren, sei es mit gesprochenem, sei es mit geschriebenem Wort, formen, entwickeln und artikulieren sich Gedanken. In der für ihn charakteristischen Diktion (Ausdrucksweise) hat das HEINRICH VON KLEIST2) in einem Essay Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden prägnant (eindrucksvoll) zum Ausdruck gebracht:

"...Aber weil ich doch irgend eine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis, zu meinem Erstaunen, mit der Periode fertig ist..."[4].

Weniger poetisch, doch praxisbezogener kommt derselbe Sachverhalt in einer technikgeschichtlichen Ab- handlung zum Ausdruck, derzufolge sich beim Schreiben die Gedanken noch wirkungsvoller "verfertigen":

"...Bei der Gesellschaft LINDE schrieben die Ingenieure in den entscheidenden Entwicklungsphasen im Gaszerlegerbau täglich einen Brief. Das Briefeschreiben brachte die Ingenieure häufig auf neue Ideen oder bewahrte sie vor falschen Entscheidungen. Die konzentrierte Korrespondenz sorgte nicht nur für den notwendigen Druck, sondern führte häufig kurzfristig zu neuen technischen Lösungen..."[5]. 
   

3 Fachwörter

Fachworte sind das tragende Gerüst einer Fachsprache, wobei es sozusagen einen stufenlosen Übergang vom speziellen Fachwort über das allgemeine zur umgangssprachlichen Benennung gibt. Man muß sich vergegenwärtigen, daß es die Sinnesorgane sind, über die wir überhaupt erst Zugang zur Welt bekommen. Sinneseindrücke sind also letztlich das tragende Gerüst unserer Gedanken. Gerade die deutsche Sprache bringt das zum Ausdruck: Begreifen kommt von be-greifen (= mit dem Verstande er- greifen, sich aneignen), einsehen von ein-sehen.

Begriffe müssen sprachlich handhabbar gemacht werden; das geschieht durch Benennungen: "Verding- lichung von Begriffen durch Benennungen". Eine Benennung ist die mindestens ein Wort umfassende Bezeichnung eines Begriffes. Der Zusammenhang zwischen Begriff und Benennung wird durch eine Definition [6] hergestellt. Die Benennung soll daher auf die Definition hinweisen, gleichsam ein verkürzte Definition sein. Inwieweit das gelingt, hängt vom Einzelfall ab. Von Benennungen wird verlangt, daß sie möglichst "eindeutig und zweifelsfrei" für einen Begriff stehen. In der Technik ganz allgemein werden be- nannt (Beispiele aus der Motortechnik):

 

  • "materielle Gegenstände": Kurbelgehäuse, Kolben, Zylinder, Ventil
  • "immaterielle Gegenstände" [7;8]
  • Begriffe: "Bedeutungsinhalt eines Wortes, Vorstellungsinhalt, Gesamtheit wesentlicher Merkmale in einer gedanklichen Einheit, abstrakter Inhalt von etwas": Leistung, Fahrprofil, Langsamläufer
  • Eigenschaften: "zum Wesen einer Sache gehörend, das Wesen kennzeichnende Merkmale, Besonderheit": Konstruktionsalter, Bauart, Kopflastigkeit, Leistungsgewicht, drehfreudig
  • Erscheinungen: "wahrnehmbarer Vorgang, das äußerlich Sichtbare der Dinge, Aussehen": Spritzbild, Rattermarken, Freßriefen, Laufspiegel
  • Verhalten: "im Vergleich zu etwas anderem eine bestimmte Beschaffenheit haben, zu etwas anderem in einem bestimmten Verhältnis stehen": Anspringverhalten, Schadstoffemission, Verbrauch
  • Vorgänge: "was vor sich geht, was abläuft, was sich entwickelt": Ringflattern, Heißlaufen, Laderpumpen, Kolbenwachsen, Shakerwirkung, Abnahmelauf, Blechmantelbildung, Planschen, Fehlzündung
  • Tätigkeiten: "tätig sein, sich beschäftigen mit etwas": schmieren, warten, reparieren, anlassen, abbremsen, messen

     

Die von Walter Taenzler in [9] aufgezeigten Bildungsmodalitäten und Merkmale für fachspezifische Zusammensetzungen gelten auch für den Sprachfundus der Motortechnik:
  • Material, aus dem die Maschine, genauer: das Maschinenteil, besteht: Sphäroguß-Gehäuse, Bleibronze-Lager
  • Gestalt einer Maschine oder eines Maschinenteils: Kreuzkopf, Dünnwandlager, V-Motor
  • Ort, an dem die Maschine aufgestellt ist oder arbeitet: Bahnmotor, Schiffsmotor
  • Zeitpunkt, an dem die Maschine läuft: Unterbrecher-Kontakt, Dauerläufer
  • Lagemäßige Zuordnung, ohne funktionalen Zusammenhang: Untergurt, Zylinderkopf-Oberteil, Mittellager, Nebenpleuel
  • Lage der Maschine bzw. des Maschinenteils im Raum bzw. zum Ganzen der Maschine: Grundlager, Unterflurmotor, Heckmotor, Kolbenunter/oberteil
  • Gesamtheit einer Maschine oder Anlage, dem das Maschinenteil oder die Maschine angehören: Verdichterrad, Kolbenring, Pleuelbuchse, Gehäuselager, Zylinderkopfhaube
  • Einzelteil, das kennzeichnend und unterscheidend für die mit dem Grundwort benannte Maschine ist: Kreuzkopfmotor, Tauchkolbenmotor, Kolbenmaschine, Kurbetrieb
  • Person, die eine Maschine bedient: Motorwart, Maschinist, Fahrmaat, Bordmechaniker
  • Angabe des Erfinders: Ottomotor, Dieselmotor, Sankey-Diagramm, Rootsgebläse
  • Angabe des Beförderten, Erzeugten, Bearbeiteten, Dargestellten, Anzuwendenden: Drehzahlregler, Überlastschutz, Einspritzpumpe, Ölzentrifuge, Wärmeübertrager
  • Träger der Kraft, die einen maschinellen Vorgang hervorruft: Verbrennungsmotor, Abgasturbolader, Drehmomentwandler
  • Funktionale Zusammengehörigkeit: Entlastungsbohrung Führungslager, Kipphebel
  • Funktion der vom Grundwort genannten Maschine. Hierbei unterscheidet man aktive, passive oder substitutive Funktionen: aktiv: Einspritzpumpe, Aufladegruppe, Drosselbohrung und passiv: Abprallblech, Feuersteg; substitutiv: Lagerstuhl, Kolbenhemd
  • Eigenschaft oder Bedeutung, welche einem Maschinenteil zukommt: Hauptlager, Nebenpleuel, Hilfsmotor
  • Sammelbezeichnungen mit - geschirr, bank, -vorrichtung oder -werk: Ladegeschirr, Zylinderbank, Törnvorichtung Triebwerk
  • Zusammensetzungen mit mehr als zwei Gliedern, von denen zwei in einem innigen Verhältnis stehen oder als Einheit gegenüber einer dritten betrachtet werden: Zylinderkopfboden, Grundlagerdeckel, Einspritzpumpenantrieb
  • Zusammensetzung dieser Art, bei denen ein Glied ausgefallen ist: Zylinder (kopf) boden
  • Statt einer Zusammensetzung steht das Grundwort allein: Zylinderkopf Þ Kopf, Kolbenhemd Þ Hemd Lagerschale Þ Lager, Abgasturbolader e Þ Lader
  • Wortzusammenrückungen (Juxtapositionen): Pleuel-neben-Pleuel, open-deck-Bauweise, Luft-Kraftstoff-Gemisch
  • Kunstworte
  • (durch Zusammenziehen abgekürzter Worte geschaffene künstliche Worte): Jetronic (aus jet [engl. Düse] und Elektronik); Eurosuper (aus: Europa und Superkraftstoff, Aral (aus aromatisch und aliphatisch), AlFin (aus Aluminium und fin (engl.) = Rippe)
  • (bedeutungslose künstliche Worte): Solex, Resistel Kunstworte dienen als Markennamen, von denen verlangt wird, daß sie sich in den wichtigsten Sprachen gut aussprechen lassen, und daß sie in keiner Sprache eine negative Bedeutung haben, wie z.B. die Typenbezeichnung Silver Mist für einen Rolls Royce-Pkw.

Wichtig ist, daß innerhalb eines Textes die Benennung für dasselbe Teil oder denselben Vorgang nicht gewechselt wird, um den Leser nicht zu verwirren. Wie ärgerlich und dem Verständnis abträglich das ist, weiß jeder, der sich mit - meist schlampig geschriebenen - Bedienungsanleitungen von elektronischen Geräten der Unterhaltungsindustrie hat herumärgern müssen. So wäre es falsch, in einer Bau- beschreibung, Montageanweisung oder Reparaturanleitung die Bezeichnung für ein Teil zu variieren, um den Text ansprechender zu gestalten, z.B. die Ausdrücke Pleuelstange und Schubstange dann Pleuel und schließlich Treibstange zu verwenden. Woher soll der Leser wissen, daß stets dasselbe Teil damit ge- meint ist? Das gilt um so mehr, je spezieller der Inhalt einer Abhandlung, je weniger allgemeinverständlich die Materie ist, das steht ganz im Gegensatz zu der im Deutschunterricht vermittelten Regel, denen zu- folge man "den Ausdruck wechseln" müsse.

4 Entstehen von Fachwörtern

Wer legt die Benennungen fest, bei welcher Gelegenheit werden neue Benennungen geschaffen? Techniker, Mechaniker und Konstrukteure müssen Teile benennen, Versuchsingenieure, Maschinisten und Wissenschaftler müssen sich mit Vorgängen und Erscheinungen auseinandersetzen, sie deuten, also be- zeichnen und Vertriebsleute und Werbetexter müssen anschauliche und griffige Benennungen finden. Solche Bezeichnungen entstehen hauptsächlich "vor Ort"; sie werden - um bei der Motortechnik zu bleiben - von den eigentlichen "Motorbetreibern", dem Personal der Motorenprüfstände, den Schiffs- maschinisten, Fahrmaaten, Lokomotivführern, den Fernfahrern, Fliegern, Bordwarten und Panzerfahrern geprägt; diese schätzen nun einmal eine derbe, oft auch vulgäre, aber anschauliche und auch laut- malerische Ausdrucksweise. Da im Motorbetrieb vor allem Vorgänge benannt werden müssen, handelt es sich hierbei hauptsächlich um Verben, mit denen gerne ein Bezug zu Körperfunktionen hergestellt wird (ein Lager frißt; ein Motor stottert oder kotzt; der Motor säuft, der Motor verreckt). Der Wunsch nach anschaulichen Bezeichnungen ist nicht nur für die Vergangenheit charakteristisch, er ist auch heute noch ungebrochen. Das gilt sowohl für

  • Konkreta: Beispiele: Nasenring: Kolbenring mit einer Eindrehung, die eine nasenartige Abstreifkante für das an der Zylinderlaufbahn haftende Öl ergibt. Tunnelgehäuse: Die Lagerbohrungen sind allseitig umschlossen, so daß die Kurbelwelle axial - wie in einen Tunnel - in das Kurbelgehäuse eingebaut wird.
  • wie auch für Abstrakta: Beispiele: Büffelcharakteristik: Der Drehmomentenverlauf über der Drehzahl hat die Form der Silhouette eines Büffels. Muschelkurve: Die Kurven konstanten spezifischen Kraftstoffverbrauches im Drehmomenten-Drehzahl-Kennfeld haben sehen aus wie die Riffelung von Muscheln.

     

Anders als bei den zufällig entstandenen Bezeichnungen, bei denen Anschaulichkeit im Vordergrund stand, wird für gezielte Benennungen eine bewußte, systematische Sprachgestaltung, z.T. nach vor- gegebenen Regeln angestrebt. Es wird verlangt, daß sie angemessen kurz, leicht sprechbar, einprägsam sowie geeignet zum Bilden von Ableitungen3) und außerdem genau, unmißverständlich, anschaulich und wertneutral sind. Nun sind diese Forderungen - schon allein wegen der unzähligen Worte - nicht im gleichen Maße erfüllbar; meist müssen Kompromisse zu Lasten der einen oder anderen Forderung ge- macht werden. Deshalb steht die Wortbildung im Spannungsfeld vor allem zweier, meist konträrer Ziel- setzungen, nämlich nach Anschaulichkeit und nach Genauigkeit. Die Anschaulichkeit wird vor allem durch metaphorische Ausdrücke (Zylinderkopf, Pleuelauge) erreicht, die Genauigkeit durch Bildung von zu- sammengesetzten Wörtern (zwei- und mehrgliedrigen Komposita) (Zylinderkopfdichtung, Lager- deckel-Trennfuge).

Manche Benennungen veralten und werden durch "modernere" Ausdrücke ersetzt, was durchaus auch einen realen technischen Hintergrund haben kann. Im Wandel von Fachausdrücken erkennt man auch den Entwicklungsfortschritt. Statt der Bezeichnung Kurbelarm oder Kurbelschenkel wird heute vorwiegend Kurbelwange gebraucht, was sich so erklärt, daß die Motoren früher langhubiger waren, die Verbindung von Grundlager- zur Hubzapfen also eher in Abmessungen und Form einem Arm oder einem Schenkel als einer Wange glich. Sprach man einst vom Gleichgang des Motors, so heißt es heute Gleichlauf, Indiz für hohe Drehzahlen moderner Motoren.

Ein Beispiel, wie sehr die Sprache ein Spiegelbild auch technischer Veränderungen ist, zeigt die Gegenüberstellung von gleichartigen Texten verschiedenen Erscheinungsdatums. Es handelt sich hierbei um drei Aufsätze über die Entwicklung von Nkw-Motoren (zufälligerweise um MAN-Motoren):

  • Riem, W.: Schnellaufende Fahrzeugdieselmotoren. Der Motorwagen 31 (1928) 6
  • Rothmann, G.: Die Entwicklung des Einheits-Dieselmotors für den leichten Wehrmacht-Lastkraftwagen. Mittlg. Forschungsanst. Gutehoffnungs-Konzern 5 (1937) 9
  • Zürner, H.: Entwicklung von aufgeladenen M.A.N.-Fahrzeug-Dieselmotoren in Sechszylinder-Reihenbauart. MTZ 41 (1980) 2

 

Die Zahl der im engeren Sinne als Fachwörter zu bezeichnenden Benennungen ist in etwa gleich. Er- staunlicherweise kommen in allen drei Aufsätzen als "kleinster gemeinsamer fachwörtlicher Nenner" nur sechs Benennungen vor: Antriebsmotor, Auslaßventil, Bohrung, Nockenwelle, Pleuelstange und Triebwerk! Das liegt am jeweiligen Stand der Technik und den daraus resultierenden Entwicklungsschwerpunkten. Ging es 1928 vor allem darum, einen kompressorlosen Dieselmotor für Nutzfahrzeuge zu schaffen, so stand 1937 die Forderung nach größerer Leistung und Betriebssicherheit im Vordergrund; 1980 sind es vor allem die Wirtschaftlichkeit und das Schadstoffverhalten der Motoren.

4 Metaphern in der Motortechnik

Metaphern (durch bildlichen Vergleich zustande kommender übertragener Ausdruck) spielen im Fach- wortbestand der Motorentechnik eine große Rolle. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer davon ist sicher der, daß ein Motor aus sehr vielen Teilen besteht; diese Teile mußten alle benannt werden, es bestand also ein großer "Sprachbedarf". Zum anderen reichen die Ursprünge des Verbrennungsmotors in das vorige Jahrhundert zurück. Seine zentralen Teile, das Triebwerk, sind von der stammesgeschichtlich älteren Dampfmaschine übernommen worden, damit auch deren Benennungen. Diese wurden früher spontan vor Ort gebildet und verfestigten sich im Laufe der Zeit. Deutlich erkennbar ist dabei eine "Freude am Bildhaften, die gerade dem schöpferisch tätigen Techniker zu eigen ist". Der "archaische" (frühzeitlich, altertümlich) Gebrauch von Metaphern erklärt sich auch aus der Struktur menschlichen Denkens, nämlich daß man ins Auge springende Ähnlichkeiten zur Wortfindung heranzog: Ein Zylinderkopf stellt sozusagen den Kopf des Motors dar. Auch bei Vorgängen wurden solche Analogieschlüsse gezogen: Ansaugen des Motors. Begriffe brauchen eben Benennungen. Diese sollen anschaulich sein, um auch komplexe Zusammenhänge begreiflich und verständlich zumachen. Die Metapher fokussiert Vorgänge verbal auf einen Begriff, der als Chiffre, als Kurzfassung für vielschichtige Vorgänge dient. Der Mensch denkt "menschlich"; er sieht sich selbst als Koordinatenursprung seines Begriffssystems. Er ist sich - im wahren Sinne des Wortes - selbst der Nächste. Daher die Vielzahl von auf menschliche Körperteile und Körperfunktionen bezogenen Metaphern! Weiterhin dienen menschliche Tätigkeiten, Eigenschaften und Verhalten als Vorlage für Benennungen in der Technik. Dann folgen Kleidung, Gegenstände des persönlichen Besitzes, Behausung, Fauna, Flora, unbelebte Natur usw. Nachfolgend sind Bezüge von motortechnischen Metaphern mit Beispielen dazu aufgelistet:


Körper Düsenkörper
Organische Funktionen 

Paarung, Familie

Krankheiten, Fehlbildungen, Tod

Schwitzwasser, Ölalterung

Werkstoffpaarung, Motorenfamilie

Filterverstopfung, Blindversuch, Totraum

Eigenschaften

Verhalten

Tätigkeiten

Bleiempfindlichkeit

Drehfreudigkeit

Zylinderschritt

Kleidung Zylindermantel, Hosenrohr, Kolbenhemd
Nahrung Apfelform, Pilzsicherung
Persönliche Ausrüstungsgegenstände Ölspiegel; Ventilteller, Ansaugkorb
Wohnung und Häuslichkeit Badewannenkurve, Stuhlkolben, Balkonsitz
Bauwerke und Örtlichkeit Anlauframpe, Einlaßkanal, Tunnelgehäuse
Sport und Freizeit Fischhakenkurve, Motorsattel
Musikinstrumente und Musik Pleuelgeige, Trompetenbildung
Waffen und Waffenwirkung Bajonettrahmen, Lagerschild, Bewehrung
Fauna und Flora Büffelcharakteristig, Tannenbaumfuß
Naturerscheinungen und unbelebte Natur Brandspuren, Flammwächter, Taupunkt, Urdreck, Lawineneffekt, Ölnebel
Kälte und Wärme Heißlauftest, Kaltspiel
Geometrische Formen Kegelschieber, Rechteckring
Abmessungen Großmotor, Dünnwandlager
Lage Gegenkolbenmotor, Kolbenoberteil
Farben Blaurauch, Schwarzschlamm, Rotglut
Werkstoffe Leichtmetallkolben, Bleibronzelager
Alphabet V-Motor, M-Verfahren, l -Sonde
Eigennamen Becker-Rille, Dieselmotor, Rootsgebläse
Kunstwörter Solex-Vergaser, Comprex-Lader
Abkürzungen MIL-Spezifikation, Pkw-Motor, G-Lader
Fremdsprachliche Ausdrücke cathedral-engine, Shaker-Kühlung, by-pass

Eine Zusammenstellung von motortechnischen Metaphern läßt erkennen, wie subtil (feingewebt) das Muster solcher Benennungen den menschlichen Körper und seine Teile erfaßt. Fast könnte man damit einen anatomischen Atlas erstellen.


Körper Düsenkörper   Haupt/Kopf Hauptlager/Pleuelkopf
Gerippe Motorgerippe   Gesicht Zündkerzengesicht
Skelett Skelettbauweise   Profil Fahrprofil
Rippe Rippenkolben   Stirn Stirnrad
Organe Einspritzorgan   Wange Kurbelwange
Eingeweide Eingeweide des Motors   Grübchen Grübchenbildung
Kreislauf Ölkreislauf   Bart Bartbildung
Haut Außenhautkühlung   Auge Pleuelauge
Glied Stellglied   Nase Nasenring
Taille Kurbelgehäusetaille   Ohr Ohrenkühler
Hals Halslager   Lippe Lippendüse
Kehle Hubzapfenhohlkehle   Mund Mundloch
Rumpf Rumpfmotor   Zahn Zahnrad
Rücken Lagerrücken   Arm Kurbelarm
Schulter Druckschulter   Gelenk Gelenkohr
Bein Federbein   Hand Handloch
Schenkel Kurbelschenkel   Faust Faustformel
Knie Knielochbrenner   Finger Verteilerfinger
Fuß Gehäusefuß   Daumen Daumenscheibe

 

5 Texte in der Motortechnik

Texte in der Motortechnik sind Fachtexte. Es gelten, von einigen Besonderheiten abgesehen, die gleichen Gesichtspunkte und "Regeln" wie für Texte anderer technischer Bereiche. Wesentliche Aspekte techn- ischer Texte sind durch: Wer schreibt was an wen, angesprochen. Charakteristisch für technische Texte ist, daß sie - oft sogar in ganz erheblichem Umfang - verschiedene Formen von nicht-sprachlichen Elem- enten enthalten: Formeln in Gestalt von Zahlen und Buchstabenfolgen, Grafiken und Bilder.

Syntax (Satzgefüge)

Die Forderungen an technische Texte nach Genauigkeit, Sachlichkeit, Knappheit und Übersichtlichkeit müssen sprachlich verwirklicht werden. Das erreicht man durch Fachwörter und durch entsprechende ge- meinsprachliche Ausdrücke und bestimmte Formen des Satzbaus, derer sich jeder, der technische Texte verfaßt, meist ohne bewußtes Nachdenken bedient. Ein herausragendes Merkmal von technischen Texten ist, daß Sachverhalte und Objekte im Vordergrund des Interesses stehen ("Objektkonzentrierte Darstellung"). Fachtexte sind in der Regel ohne menschlichen Bezug, es sei denn, der Mensch stünde signifikant (bedeutsam) mit einem technischen Sachverhalt in Verbindung, z.B. bei Unfallbeschreibungen. Dabei gibt es gewisse Zuordnungen, d.h. bestimmte Eigenschaften werden bevorzugt durch gewisse Mittel erreicht: Genauigkeit erreicht man durch Fachwörter, aber auch durch treffsicher gebrauchte ge- meinsprachliche Wörter in geeigneter Verknüpfung zueinander. Der Eindruck von Sachlichkeit wird vor allem durch unpersönlichen Ausdruck vermittelt. Dadurch wird die Aufmerksamkeit des Lesers auf den Sachverhalt gelenkt, der Gegenstand, das Geschehen rücken in den Vordergrund, der Verfasser selbst bleibt im Hintergrund. Somit werden Sachverhalt bzw. Geschehen (scheinbar) unabhängig vom Menschen. Sprachliche Mittel hierzu sind:

  •  
    Unpersönliche Wendungen: Man, es. Solche Wendungen ermöglichen spezielle Aussagen; sie dienen zur Darstellung von Vorgängen und Geschehen. Beispiel: Die Steuerung des Ladungswechsels erfolgt durch Schlitze. Außerdem bieten unpersönliche Wendungen die Möglichkeit, sich von dem Geschehen zu distanzieren, übrigens ein beliebtes Mittel auch in der Gemeinsprache. Statt: Ich habe einen Fehler gemacht sagt es sich viel besser Mir ist ein Fehler unterlaufen.
  • Ein anderes funktionsgerechtes Ausdrucksmittel in Fachtexten sind Passivfügungen. Anstelle des Handelnden und des durch ihn bewirkten Sachverhalts werden der Gegenstand oder der Sachverhalt und das hiermit zusammenhängende Geschehen betont [10]. Im einzelnen werden damit erreicht: Hervorheben der Zielgröße: Der Motor wird überholt; Betonen von Allgemeingültigkeit: Lager werden vorgespannt und Verzicht auf Darstellung des Urhebers: Der Versuch wurde durchgeführt.
  • Präsens (Gegenwart): Damit werden Allgemeingültigkeit und Zeitlosigkeit betont: HD-Öle sind hoch belastbar oder Wassergekühlte Motoren haben ein größeres Entwicklungspotential.
  • Indikativ (Wirklichkeitsform): Es werden die Wirklichkeit, das Tatsächliche, das Bestehende beschrieben.
  • Hervorhebung des zu Betonenden durch eine veränderte Wortfolge, bei der nicht das Subjekt (Satzgegenstand) am Anfang steht. Solche Konstruktionen findet man in Fachtexten weit mehr als in anderen sprachlichen Bereichen: Für eine optimierte Kolbenkühlung sind Lagerstuhl-Ölspritzdüsen bzw. Hakendüsen vorgesehen.
  • Das Verb tritt bedeutungsmäßig zurück. Es werden "sinngeschwächte" und "sinnentleerte" Verben wie sein, erfolgen, durchführen, befinden, stattfinden, erfolgen, nehmen, gelangen, kommen oder handeln dazu benutzt, um Sachverhalte zu verbinden: Beispiel: Die Monolithhalterung erfolgt mit Quellmatten.
  • Präzisierung durch Attribute, weil das Substantiv für sich nicht aussagekräftig genug ist: methanselektiver Katalysator, drehmomentstarker Motor, allradiengehärtete Kurbelwelle.

 

Auffällige Eigenart von Fachtexten ist die sprachliche Verdichtung. Es besteht die Tendenz zu kurzen, aber inhaltsreichen Sätzen, die mit Aussagen regelrecht "vollgepackt" werden. Das Extrem sind dann stichwortartige Sätze, wie sie oft in Betriebs- und Reparaturanleitung zu finden sind: Nach Demontage der Kolben, Vermessen der Kolbenringnuten. Solche kurzen, auf das Wesentliche reduzierte Sätze sind unmißverständlich und haben zudem den Vorteil, sich gut in andere Sprachen übersetzen zu lassen.

Um sprachliche Knappheit zu erreichen, gibt es verschiedene Möglichkeiten, z.B. durch Zusammenziehen von Sätzen: Die Zylinderkopfschrauben -je nach Motorgröße vier, sechs oder acht - sind um den Zylinder angeordnet, durch Ersatz von Nebensätzen durch Satzglieder: Zur Kühlwasseraufnahme sind zwei Einfüllstutzen vorgesehen oder Ersatz von ganzen Sätzen durch Zusammensetzungen: Schnellaufende Hochleistungsmotoren werden auf drehmomentenorientierte Kennfelder hin entwickelt.

Ein häufig und gern angewendetes Mittel in Fachtexten aller Art sind substantivisch-verbale Fügungen (nominale Umschreibungen): eine Untersuchung durchführen statt untersuchen oder Bericht erstatten statt berichten. Ein Substantiv (Hauptwort) und ein Verb (Tätigkeitswort) beschreiben einen Vorgang, wozu in den meisten Fällen auch ein Verb ausgereicht hätte. Solche Formulierungen werden oft als hölzern oder steif empfunden: "Beamten-Deutsch"! Das um so mehr, wenn offensichtliche Belang- losigkeiten damit aufgewertet werden sollen: Die Maßnahme gelangte zur Durchführung oder Die Über- holung des Motors wurde veranlaßt usw. usf.. Ungeachtet dessen nehmen nominale Umschreibungen wichtige Funktionen im Text wahr. Sie dienen zu Heraushebung, Betonung, Abstufung und Unter- scheidung des Beschriebenen, aber auch - in der passiven Form - zur Verallgemeinerung und Entpersön- lichung der Aussage. Letzteres wird, wie schon angeführt, in technischen Texten bevorzugt angewendet. Weiterhin muß man bedenken, daß es im Deutschen vergleichsweise wenige Verben gibt, nominale Umschreibungen somit die verbalen Ausdrucksmöglichkeiten erweitern, auch lassen sich Sätze damit übersichtlicher gestalten.

Verfasser technischer Texte stehen unter dem Zwang, verstanden zu werden. Dadurch sind die Flügel sprachlicher Höhenflüge wirkungsvoll gestutzt. Das betrifft die Satzlänge, die Zahl der Nebensätze wie auch die Auswahl der Wörter. Allein die Notwendigkeit, einen Begriff stets mit der selben Benennung zu bezeichnen, steht allzu "exotischen- Fremdwörtern im Wege.

6 Inhalte von Fachtexten

Fachtexte haben eine konkrete Aufgabe zu erfüllen, sie sollen etwas bezwecken. Betrachtet man Texte unter diesem Blickwinkel, dann wird man feststellen, daß es sich, wie D. Möhn und R. Pelka in [11] aufgezeigt haben, vor allem um drei Funktionen handelt:

  • deskriptiv (beschreibend): Hierbei geht es um das "Festhalten, Darstellen und Weitergeben von Fachwissen": beschreibend (Gegenstände, Sachverhalte), berichtend (Vorgänge, Ereignisse) und erörternd, d.h. "über das Für und Wider eines noch nicht geklärten Sachverhaltes sprechen" (Sachverhalte, Ereignisse, Vorgänge).
  • instruktiv (unterweisend): Das betrifft "vor allem gezieltes Anleiten zu fachlichem Handeln ". Montage-, Reparatur- und Bedienungsanleitungen sind Mittel hierzu.
  • direktiv (anweisend): Es wird ein bestimmtes fachliches Handeln vorgeschrieben; die Berechtigung hierzu ergibt sich aus der Stellung des Schreibenden in der Hierarchie von Firma, Institut oder Behörde, aus fachlicher Kompetenz oder aus der Bedeutung der Sache selbst: Sicherheit, Kosten etc., wobei die Verbindlichkeit verschieden gestuft sein kann. Sie reicht von einer Empfehlung bis hin zur unbedingt einzuhaltenden Anweisung, in der strengsten Form (im militärischen Bereich) als Befehl.

     

Inhaltliche und formale Strukturierung

Die Bandbreite (motor-)technischer Texte ist enger als die gemeinsprachlicher Prosa, weil die Texte in Fachsprachen ganz allgemein sachlich und zweckorientiert sind. Rahmen und Form, in denen solche Texte verfaßt werden, richten sich nach der Zielsetzung der Texte. Insgesamt kann man sagen, daß sich die Handlungsmuster sehr ähneln:

  • Ein Problem liegt vor, bzw. eine Aufgabe ist gestellt.
  • Voraussetzungen sind gegeben, Nebenbedingungen liegen vor,
  • bestimmte Maßnahmen werden getroffen,
  • eine Lösung wird gefunden und
  • diese wird auf den vorliegenden Fall angewendet.
  • Die Lösung erfüllt ihren Zweck, oder aber sie tut es nicht. Dann wiederholt sich das Ganze.

     

Technische Sachverhalte und Vorgänge verlaufen also vorwiegend kausal (weil ... ), konditional (wenn ... ), final (damit ... ) und konzessiv (obgleich ... ), was natürlich die Variationsbreite des Ausdruckes ein- engt.

Da menschliches Denk- und Vorstellungsvermögen bei schwierigen und komplexen Sachverhalten rasch an Grenzen stößt, muß der Stoff, der verbal in Texten dargestellt wird, entsprechend aufbereitet sein. Gedankliche Ordnung ist also eine Voraussetzung, schwierige Sachverhalte verständlich zu machen. Diese gedankliche Ordnung zeigt sich in der Strukturierung des Textes, d.h. in der "Anordnung der Teile eines Ganzen zueinander". In technischen Texten ist eine methodische Ordnung von der Sache her vorgegeben, ganz gleich, ob es sich um die Beschreibung von Konkreta wie Anlagen, Maschinen und Geräten oder um Abstrakta wie Vorgänge, Erscheinungen, Eigenschaften oder Tätigkeiten handelt. Diese innere Ordnung gilt es in Gestalt des vielzitierten "roten Fadens" erkennbar werden zu lassen. Die Ordnungsschemata können unterschiedlich sein: kausal mit der Abfolge von Ursachen und Wirkung, räumlich in der Anordnung von Teilen, zeitlich im Ablauf von Ereignissen, vom Allgemeinen zum Besonderen, vom Abstrakten zum Konkreten oder aber hierarchisch. Sichtbaren Ausdruck finden solche Strukturierungen in der ausgeprägten Segmentierung von Texten in Abschnitte und in mehrfach gestufte Unterabschnitte, die durch vielfältige typographische Mittel noch akzentuiert werden. Beispiele für eine solche Strukturierung, aus denen die innere Logik von Aufsätzen technischen Inhaltes ersichtlich wird, lassen sich in beliebiger Zahl anführen. Beispiel: Beschreibung eines Motors.

Neue Vierventilmotoren für den neuen Fiesta. Teil 1: Grundmotorenentwicklung [12]. Hier ist es die bau- liche Struktur des Motors, die sich in der textlichen niederschlägt.
 

  1 Einleitung

  2 Motorkonzept und Grundabmessungen

  3 Beschreibung der Motorkonstruktion

  3.1 Motorblock und Ölwanne

  3.2 Kurbeltrieb

  3.3 Zylinderkopf und Ventiltrieb

  3.4 Nockenwellenantrieb

  3.5 Nebenantriebe

  3.6 Dichtsystem

  3.7 Ölkreislauf

  3.8 Kühlkreislauf

 

7 Sprachlicher Stil

Die Schreibweise eines Textes bezeichnet man als Stil, den sprachlichen Stil von Fachtexten als Fachstil. Die charakteristischen Eigenschaften eines Fachstils sind Genauigkeit, Sachlichkeit, Knappheit und Über- sichtlichkeit. Das macht Fachtexte nüchtern ("trocken"), es geht ihnen im allgemeinen sprachliche Brillanz ab. Natürlich gibt es innerhalb einer Stilschicht, hier des Fachstils, Nuancierungen (Abstufungen). Doch ungeachtet des unterschiedlichen intellektuellen Anspruchs, wie er aus den Titelbezeichnungen ab- geleitet werden könnte, zeigt der Vergleich von Texten aus Lehr- und Fachbüchern, daß die Unter- schiede nicht - oder allenfalls kaum - durch sprachliche Gestaltung bedingt sind, sondern welcher Stoff wie behandelt wird, und das heißt im allgemeinen durch den Grad der Mathematisierung. Im Sprachlichen hingegen: Wortschatz, Formulierungen und Satzbau, sind die Unterschiede nur gering. Die stilistischen Unterschiede sind eher individuell durch die Autoren als durch das intellektuelle Niveau der ange- sprochenen Leserschaft bedingt.

In dem hier zur Diskussion stehenden Bereich der Technik gibt es eine Tendenz, sich verständlich aus- zudrücken. Für technische Firmenunterlagen wie Montage-, Wartungs- und Reparaturanleitungen ist Verständlichkeit ein unbedingtes Muß. Deshalb darf die Sprachleistung derer, die vor Ort, in den Firmen, technische Texte verfassen, nicht unterschätzt werden, gilt es doch, komplizierte Konstruktionen, verwickelte und in sich greifende Vorgänge und Abläufe sachlich richtig, kurz und verständlich zu be- schreiben.

Deshalb gibt es in der Motortechnik keine "Sprachbarrieren", denn deren hoher technischer Standard läßt sich nur mit gut ausgebildetem Personal erreichen. Somit sind auch von der sprachlichen Kommunikation bestimmte Voraussetzungen gegeben:

  • Der Ausbildungsstand von Motorfachleuten in allen Ebenen der Hierarchie ist hoch, was nicht nur ein gewisses Niveau der Ausdrucksweise bedingt, sondern auch den Umgang miteinander (Kommunikation im weiteren Sinne) bestimmt. Kompetenz und praktische Erfahrung machen Facharbeiter, Monteure, Motorenwarte, Lokomotivführer und Meister zu fachlich gleichberechtigten Gesprächspartnern von Ingenieuren.
  • Die "Tücke der Materie", d.h. eine komplizierte Technik und die aus ihr erwachsenden Schwierigkeiten, kann nur in Zusammenarbeit aller Beteiligten gemeistert werden; man ist aufeinander angewiesen. "Vor Ort", d.h. auf dem Prüfstand, in der Montagewerkstatt, beim Motorbetreiber oder an Bord kann man sich nicht auf Theorien, Annahmen, Voraussetzungen, Hypothesen berufen, hier gilt: hic Rhodus, hic salta oder wie ein in vielen Jahren praktischer Entwicklungsarbeit ergrauter Versuchsingenieur lakonisch (kurz und treffend) in einer Besprechung feststellte: "Mit akademischen Geschwätz ist noch kein Motor zum Laufen gebracht worden!"
  • Die Ausdrucksweise wird zudem noch durch Vorbilder und Beispiele (Berichte, Schriftverkehr, technische Mitteilungen usw.) eingeschliffen und gefestigt.
     

     

Die Schere schließt sich bekanntlich von zwei Seiten; sie engt die Bandbreite der Ausdrucksweise ein und egalisiert sie weitgehend. Hinzu kommt, daß die Materie selbst zu sparsamem Einsatz stilistischer Mittel zwingt.

8 Zusammenfassung

Sprache ist das wichtigste Arbeitsmittel des Technikers und Ingenieurs; der fachlichen Kommunikation dient die Fachsprache, die durch Fachwörter, spezielle sprachliche Mittel und bestimmte Formen des Satzbaus gekennzeichnet ist. Charakteristisch sind Knappheit und Genauigkeit des Ausdrucks. Auffallend hoch in der Motortechnik ist der Anteil an Metaphern. Damit schwierige Sachverhalte verständlich werden, müssen Fachtexte gedanklich klar strukturiert sein. Fachtexte sind vorwiegend beschreibend, unterweisend und anweisend, deshalb müssen sie verstanden werden können. Das engt sprachliche Viel- falt ein; der Sprachstil solcher Texte ist einfach und sachlich. Die komplexe und hoch entwickelte Motor- technik erfordert gut ausgebildete Fachkräfte und eine intensive fachliche Kommunikation was ein Ent- stehen von Sprachbarrieren verhindert.

 

Anmerkungen

1) Der Begriff Laie ist hier weiter zu fassen als in der Gemeinsprache. Bei der heutigen Arbeitsteilung mit tiefgehender Spezialisierung sind oft schon Vorgesetzte, mehr noch die Mitglieder der technischen Firmenleitung, nicht mehr so mit allen Aspekten der Materie vertraut, daß sie alle Fachbereiche ohne zusätzliche Erklärungen verstehen.
2) Heinrich von Kleist, 1777 bis 1811, deutscher Dichter, gilt als "Meister der Erzählung"
3) Unter Ableitung versteht man in diesem Zusammenhang die Möglichkeit, ausgehend vom Stammwort weitere Wörter abzuleiten. Beispiel: Motor - motorisch.

 

[1] MTU-Friedrichshafen GmbH: Motor MA 12V 956 Einzelstrukturstückliste 590.913-22
[2] Reinhardt, W.; Köhler, C.; Neubert, G.: Studien zu Sprache und Technik. Hildesheim: Georg Olms Verlag 1992
[3] Gremminger, G.: Wortwahl in der Technik. Muttersprache (1954) S. 203 - 219
[4] Kleist, H. von: Über die allmälliche Verfertigung der Gedanken beim Reden
[5] Daniel, H.-L.: Der Ort der Forschung und Entwicklung im deutschen Kältemaschinenbau, 1880 - 1930. Technikgeschichte Bd. 62 (1995) Nr. 1
[6] Duden: Fremdwörterbuch. 2. Aufl. Mannheim: Bibliograph. Inst Dudenverlag 1977 bis 1981
[7] Duden: Das große Wörterbuch der deutschen Sprache. Mannheim: Bibliograph. Inst Dudenverlag 1977 bis 1981
[8] Wahrig: Deutsches Wörterbuch. Gütersloh: Bertelsmann Lexikon Verlag 1991
[9] Taenzler, W.: Der Wortschatz des Maschinenbaus im 16., 17. und 18. Jahrhundert. Diss. Rhein. Friedr Wilh. Universität Bonn 1955; S. 198
[10] Beneš, E.: Syntaktische Besonderheiten der deutschen wissenschaftlichen Fachsprache. Fachsprache. DIN Normungskunde H. 4, Berlin: Beuth-Verlag 1976
[11] Möhn, D.; Pelka, R.: Fachsprachen. Tübingen: Niemeyer 1984
[12] Menne, R.; Rudderham, T.; Latz, F.; Brohmer, A.M.: Neue Vierventilmotoren für den neuen Fiesta. Teil 1: Grundmotorenentwicklung. MTZ 56 (1995) 7/8


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